TROTZ_DEM VERTRAUEN

Gedanken zum Jahresthema 2023 von St. Raphael

Ein mutiges Jahresthema – damit sind wir schon mitten im Zentrum. Um Mut geht es – um den Mut, niemals den Kopf in den Sand zu stecken. Damit haben wir uns etwas vorgenommen, das uns sicher mehr als einmal herausfordern wird.

Die vielen lähmenden Nachrichten aus 2022 nehmen wir mit ins Jahr 2023. Die vielen unbeantworteten Fragen, die ungelösten Themen, die vielen Warums und das Nichtverstehen der katastrophalen Lage unserer Welt. Kaum etwas ist noch berechenbar, viele Entwicklungen sind nur noch schwer beeinflussbar, viele Einschätzungen sind schon veraltet, kaum sind sie ausgesprochen. Diese Verunsicherungen können mürbe und mutlos machen.

Niemals diese Nöte die Oberhand gewinnen lassen, das ist gemeint mit „trotz_dem vertrauen“. Als Christ*innen können wir uns als Vertrauensexpert*innen outen. Unsere biblischen Vorfahr*innen und alle, die uns im Glauben und Christsein vorangegangen sind, sind Zeug*innen dafür. Sie hatten das Vertrauen, dass die Welt ein Ort ist, an dem sie gut leben und den sie mitgestalten können. Einfach losgehen und vertrauen. Dabei waren sie nicht naiv. Ihnen war gemeinsam, dass sie den Stürmen des Lebens trotzten – sich trotzig dem widersetzten, was dem gelingenden Leben nicht zuträglich war. Das ganze Leben ist ein Auf-etwas-zugehen, Pläne durchkreuzen und über Bord werfen lassen. Und plötzlich sieht man Abzweigungen und neue Wege und Spuren, die weiterführen. Klar, trotzdem und allem zum Trotz vertrauen, birgt auch Risiken und Nebenwirkungen. Doch die sind angesichts der großen Verheißung, die im trotzigen Vertrauen steckt, mutig zu nehmen.

Abraham und Sara etwa waren Vertrauensexpert*innen. Das reine Lebensglück war ihnen nicht in die Wiege gelegt. Sie liefen los und vertrauten. Beide verlassen ihr Heimatland nur mit der Verheißung: „Ich, euer Gott, werde euch segnen.“ Egal, was ihnen unterwegs zustieß. Sie hielten am Vertrauen auf Gott fest, auch oder gerade wenn es schwierig wurde.

Vertrauensexperten waren auch die Jünger, die Jesus damals aussandte und ihnen zumutete, nichts mitzunehmen. In der damaligen politischen Gemengelage und gesellschaftlichen Situation war das eigentlich keine gute Empfehlung. Es muss sie stark irritiert haben, aus der Gemeinschaft mit Jesus, mit dem sie unterwegs waren, herausgeworfen zu werden – auf sich gestellt zu sein. Gottes Menschenfreundlichkeit sollen sie zu den Menschen tragen und dabei sämtliche Trampelpfade der Gewohnheit verlassen und Gott vertrauen und von ihm alles erwarten.

"Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag." Hier trotzt ein Dietrich Bonhoeffer 1944 im Gefängnis in Berlin Tegel mit Gottvertrauen gegen die Machenschaften der Nazis an. Von diesen guten Mächten und von solchem Trotz stark gemacht, stellen sich heute auf der ganzen Welt Frauen aller Religionen und Herkunft der hemmungslosen Unterdrückung durch die Machthaber ihrer Länder entgegen, von diesen guten Mächten beflügelt wehren sich Menschen guten Willens gegen Krieg und Friedlosigkeit. Die Beispiele lassen sich unzählig vermehren.

Trotzdem vertrauen bedeutet für uns aus unserer Komfortzone herauszugehen, aufzubrechen und Lösungen zu entwickeln für die politischen, gesellschaftlichen, kirchlichen und weltweiten Themen, die uns durch die Nachrichten erreichen oder unmittelbar betreffen. Es geht dabei nicht um Optimierungsversuche wie sie heutzutage so sehr angesagt sind, sondern es geht um das unbändige Vertrauen, gestalten und verändern zu können und so die Welt zum Guten zu verwandeln. Dabei trägt uns das Gebet des Psalm 73: „Ich, dein Gott, bin beständig bei dir, du hast meine Rechte ergriffen. Du leitest mich nach deinem Ratsschluss.“

Ihr Pater Gasto